Worst Case-Analyse der Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems durch das derzeit praktizierte Schichtsystem der Fraport-Bodenverkehrsdienste

Piktogramm Forschungschwerpunkt Arbeitsgestaltung/Arbeitsorganisation

Worst Case-Analyse der Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems durch das derzeit praktizierte Schichtsystem der Fraport-Bodenverkehrsdienste

Hintergrund und Fragestellung

Am 01.09.2003 trat eine Vereinbarung zwischen der Fraport AG und dem Betriebsrat der Fraport AG zum Pilot-Projekt Personal-Logistik in Kraft. Ziel ist eine stärkere Anpassung der Arbeitszeiten an den stark schwankenden betrieblichen Bedarf unter Berücksichtigung individueller Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten.

Zur Zielerreichung wurde eine Bestandsaufnahme hinsichtlich der momentanen Belastungen und Beanspruchungen sowie der Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorgenommen, um den Ist-Zustand zu dokumentieren. Nach Einführung des neuen Arbeitszeitregimes werden abermals die realen Belastungen, die wahrgenommenen Beanspruchungen sowie die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhoben und hinsichtlich der Änderungen zwischen altem und neuem Schichtregime bewertet. In diesem Bericht wird die Beanspruchung der Mitarbeiter im jetzigen Schichtregime analysiert (Modul 1). Die Ergebnisse dienen als Vergleich zu den geplanten analogen Untersuchungen im neuen Schichtsystem (Modul 2). Generelles Ziel dieser Beanspruchungsuntersuchung ist die Beantwortung der Frage:

  • Kommt es im ungünstigsten Fall zu einer gesundheitlichen Überbeanspruchung der Mitarbeiter im jetzigen Schichtsystem?

Vorgehen

Die zu untersuchenden BVD-Mitarbeiter leisten bei vielen Teiltätigkeiten – neben Anteilen vorwiegend informatorischer Arbeit – vorwiegend energetische Arbeit (Mischung aus Haltungsarbeit, Haltearbeit, schwerer dynamischer Arbeit).

Als Engpass-Systeme bei der Tätigkeit der BVD-Mitarbeiter sind einerseits das Herzkreislaufsystem, andererseits das skelettale System (Wirbelsäule, Hüft- und Kniegelenke) zu betrachten.

Die Beanspruchung des Herzkreislaufsystems wird durch Messung der Herzschlagfrequenz erfasst. Der Engpass des skelettalen Systems wird auf der Beanspruchungsseite durch die Erhebung der subjektiven Beschwerden der Beschäftigten, auf der Belastungsseite durch das Screeningverfahren IAD-BkA (Bewertung körperlicher Arbeit) erfasst.

Ergebnisse

Die Betrachtung der Arbeitsherzschlagfrequenz als Indikator der Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems ergab, dass bei Q2-Abfertigern, Fahrern und Lademeister-Agenten bei „vorwiegend energetischer Arbeit„ eine signifikant höhere Beanspruchung als bei anderen Teiltätigkeiten vorliegt.

Grundlage der Beurteilung der Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems ist beim jetzigen Stand der Untersuchung (Abschluss von Modul 1) die Überschreitung der Dauerleistungsgrenze (absolute Beurteilung, siehe Abbildung). Der Vergleich zwischen altem und neuem Schichtsystem im Sinne einer relativen Beurteilung kann erst nach Abschluss von Modul 2 „Worst Case-Analyse der Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems durch das neue Schichtsystem“ erfolgen.

Für die Bewertung wurde zunächst ermittelt, wie lange pro Schicht die Dauerleistungsgrenze DLG überschritten wurde. Die Überschreitung der DLG in Prozent der Schichtzeit lag für die Q2-Abfertiger bei 29,3%, für die Fahrer bei 13,4% und für die Lademeister-Agenten bei 22,1%. Es stellt sich nun die Frage, ob ein Ausgleich durch erholungswirksame Zeitanteile während der Schicht möglich ist, damit die Arbeit als noch erträglich angesehen werden kann. Es wird als erträglich definiert, wenn sich Erschöpfungs- und Erholungserscheinungen des Kreislaufs während des gesamten Schichtverlaufs ausgleichen.

Der Anteil der arbeitsablaufbedingten Arbeitsunterbrechungen an der Gesamtarbeitszeit liegt im jetzigen Schichtsystem bei 49,3 % (Q2-Abfertiger), 23,1 % (Fahrer) und 35,2 % (Lademeister-Agenten), die Dauer liegt schwerpunktmäßig bei 1 – 5 Minuten. Durch diese erholungswirksamen Zeitanteile wird das zeitweilige Überschreiten der Dauerleistungsgrenze über die gesamte Schicht kompensiert. Arbeitsablaufbedingte Arbeitsunterbrechungen sind daher grundsätzlich notwendig. Da es sich hierbei überwiegend um kurze Arbeitsunterbrechungen mit einer Dauer von 1 – 5 min handelt, ist davon auszugehen, dass ein Einsparen dieser Zeiten durch organisatorische Maßnahmen (z. B. durch kurzfristiges Umdisponieren des betroffenen Mitarbeiters an ein anderes Flugzeug) nicht möglich ist. Im Hinblick auf die Erholungswirksamkeit ist die kurze Dauer der ablaufbedingten Arbeitsunterbrechungen aus arbeitswissenschaftlicher Sicht als positiv zu bewerten. Wie aus den arbeitswissenschaftlichen Untersuchungen zur Ermüdung und Erholung bekannt, sind mehrere Kurzpausen wesentlich stärker erholungswirksam für das Herz-Kreislauf-System als eine lange Pause.

Diese Erkenntnis lässt sich auch auf kurze Arbeitsunterbrechungen übertragen (die keinen Pausencharakter haben, da sie fremd bestimmt sind, der Mitarbeiter also über die Art der Zeitverwendung nicht frei verfügen kann).

Bei der Frage nach arbeitsbedingten körperlichen Beschwerden zeigten sich Schwerpunkte im Bereich von Schulter und LWS (OG 4) bzw. Knie, Schulter und LWS (OG 3). Die Belastungsanalyse der Q2-Abfertiger mit IAD-BkA ergab einen Risiko-Index RI_1 (Herz-Kreislauf-System) von 2 – 3 (entsprechend den errechneten Werten im Bereich von 0,4 – 2). Für die Arbeit als Q2-Abfertiger ist daher die Auswahl eines geeigneten Kollektivs (junge, körperlich gut belastbare Mitarbeiter) notwendig ist, um Überbeanspruchung und damit mögliche gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Der Risiko-Index RI_2 (skelettales System) lag bei 3 – 4. Dies bedeutet eine hohe Belastung, bei der eine körperliche Überlastung auch für normal belastbare Personen wahrscheinlich ist. Bei den Q2-Abfertigern sind daher neben einem ausgewählten Kollektiv Maßnahmen der Arbeitsgestaltung und Verhaltensergonomie notwendig.

Sinnvolle Arbeitsgestaltungsmaßnahmen betreffen hier in erster Linie die organisatorische Arbeitsgestaltung (Schichtdauer, Schichtlage, Schichtfolge), da Frachtgewichte, Körperhaltungen bei der Arbeit z. B. im Belly, Abmessungen der Gepäckräume im Flugzeug, Umgebungsfaktoren wie Witterungseinflüsse usw. im wesentlichen nicht veränderbar sind. Bei den gefundenen hohen Belastungen sind lange Schichtfolgen (wie sie im 7-3-7-4-Regime auftreten) aus arbeitswissenschaftlicher Sicht als ungünstig zu bewerten. Es stellt sich die Frage, wie sich das Verhältnis von Ermüdungs- und Erholungsphasen und die skelettale Belastung bei Variation von Schichtparametern (Schichtdauern, Schichtlagen, Schichtfolgen) im neuen Schichtsystem darstellt (Ergebnis der Untersuchung Modul 2: Vergleichende Beanspruchungsanalyse zwischen verschiedenen Schichtsystemen).